"Wir müssen Frieden mit der Natur schließen. Ohne die Hilfe der Natur können wir auf diesem Planeten nicht gedeihen oder sogar überleben."
UN-Generalsekretär António Guterres anlässlich der Earth Hour 2021.


Frieden für unsere Ozeane

Frieden für unsere Ozeane

Meeresschutz ist für die Menschheit überlebenswichtig, sterben die Ozeane, sterben auch wir. Sie produzieren mehr als die Hälfte unseres Sauerstoffs, sind bedeutend für das Klima, Ursprung des globalen Wasserkreislaufs und Nahrungs- und Einkommensquelle für große Teile der Weltbevölkerung.

Plastik im Meer und an Küsten und Stränden ist eine Gefahr für Meereslebewesen, Vögel, Pflanzen und am Ende für den Menschen. An größeren Plastikteilen verletzen sich Tiere oder sie verfangen sich darin und sterben. Sie verwechseln Plastik mit Nahrung und verhungern mit gefülltem Magen, verletzen sich beim Schlucken oder ersticken an größeren Teilen. Plastik ist ein Magnet für Giftstoffe, ein Transportmittel für invasive Arten, es sondert Giftstoffe ab und deckt Meerespflanzen und Korallen zu oder beschädigt sie. Geisternetze und -seile verursachen Schäden am Meeresboden und werden zur Falle für Meeresbewohner, über die Nahrungskette endet Plastik auf unseren Tellern.

Die Skulptur "Flame Over"

Die Skulptur "Flame Over"

Das Material für den Engel und die insgesamt 67 Feuerzeuge auf denen er steht, habe ich im Juni 2022 an den Stränden der griechischen Insel Kefalonia gesammelt: einen Deckelring für den Heiligenschein, einen Netzschwimmer für den Kopf, ein Stück Geisterseil für das Haar, Nurdles für die Pupillen, Deckel und Flaschenhälse für Hals, Körper und Augen. Das (unidentifizierte) Plastikteil für die Flügel ist laut Aufdruck von einer Firma für Angelbedarf.

Der Engel soll an den Blauen Engel erinnern, der seit 1978 das Umweltzeichen der deutschen Bundesregierung ist und umweltschonende Produkte und Dienstleistungen kennzeichnet. Er wird auf einem Scheiterhaufen aus angeschwemmten, kaputten Feuerzeugen geopfert.

Aufschichtung des Scheiterhaufens
Aufschichtung des Scheiterhaufens
Blauer Engel am Loggos Strand auf Kefalonia
Blauer Engel am Loggos Strand auf Kefalonia
Mobiles Fotostudio
Mobiles Fotostudio


Alle Bestandteile der Skulptur sind hauptsächlich aus Plastik und weltweit in Ozeanen und an Stränden und Küsten in großen Mengen zu finden.

Netzschwimmer

Netzschwimmer

Netzschwimmer werden an Fischernetzen befestigt und tragen die Netze. Sie werden aus unterschiedlichen Kunststoffen hergestellt, es gibt beispielsweise PVC- und EVAC-Schaumstoffschwimmer, die an oder in der Nähe der Wasseroberfläche eingesetzt werden und feste Schwimmer aus Polyethylen und Polypropylen, die sehr robust sind und in größeren Tiefen verwendet werden.

Netzschwimmer sind in allen Stadien des Verfalls sehr häufig an Stränden zu finden, besonders oft in der Nähe von Fischerhäfen.

Nurdles

Nurdles

Nurdles sind Plastikpellets mit einem Durchmesser von 2 bis 5 Millimetern, der Grundstoff aus dem Plastikprodukte hergestellt werden. Nachdem sie produziert wurden, werden sie weltweit zu weiterverarbeitenden Betrieben transportiert. Dabei gehen viele verloren durch Unfälle (Frachtcontainer geht über Bord) oder Unachtsamkeit (beim Be-, Um- und Entladen, in der Produktion, durch undichte Container). Auch die auf Land verschütteten enden über Flüsse häufig im Meer. Es wird geschätzt, dass jährlich an die 230.000 Tonnen Plastikpellets in unsere Ozeane gelangen. Das sind Billionen Nurdles. Es kommt auf die Größe und die Plastikart an, aber man kann mit rund 50.000 Nurdles pro Kilo rechnen, etwa 300 passen in einen Esslöffel. Nurdles sind gefährlich für Meeresbewohner, denn durch ihre Größe und häufig durchscheinende Farbe können sie wie Fischeier oder kleine Tiere wirken, werden also als Nahrung wahrgenommen.

Die Pellets haben noch weiteren Einfluss auf unsere Ökosysteme: Sie können am Strand gemischt mit dem Sand die Temperatur des Bodens und seine Durchlässigkeit verändern, es können sich schädliche Bakterien wie E.coli und Vibrionen auf ihnen ansiedeln oder sie nehmen Schadstoffe wie Insektizide oder giftige und krebsauslösende Chlorverbindungen auf.

Geisterseile

Geisterseile

Herrenlose Fischernetze und gekappte Leinen gelangen durch Unfälle und Stürme ins Meer oder werden illegal entsorgt. Sie werden zur Gefahr für Meeresbewohner, die sich in ihnen verheddern und verletzen oder verenden. Im Laufe der Zeit zerfallen sie in immer kleinere Teile, Tiere halten sie für Nahrung, fressen sie und können verhungern, wenn ihr Verdauungssystem durch Plastik blockiert wird. Alleine der im Nordpazifik zwischen Kalifornien und Hawaii gelegene Müllstrudel "Great Pacific Garbage Patch" besteht zu 46 % aus Geisternetzen. Er hat eine Größe die ungefähr viereinhalb Mal der Fläche Deutschlands entspricht.

Flaschendeckel

Flaschendeckel

Zu jedem Deckel, den man am Strand findet, gehört eine Flasche, die in kleinere Teile zerfallen ist und den stabileren Deckel frei gegeben hat. In Deutschland werden pro Jahr rund 17,4 Milliarden Einwegplastikflaschen verbraucht, das sind 2 Millionen in jeder Stunde. Aus gebrauchten Plastikflaschen werden danach keineswegs zu 100 Prozent neue Flaschen. Eine normale PET-Flasche enthält heute nur zu durchschnittlich einem Drittel Rezyklat. Ein Grund für den geringen Rezyklat-Anteil ist, dass die Qualität des Plastiks während des Recyclingprozesses leidet, gesundheitsschädliche Zusatzstoffe können nicht immer vollständig entfernt werden und das Material verfärbt sich gelb-braun. Eine neue PET-Flasche enthält also zu einem großen Teil Rohöl. Der Rest des Rezyklats wird für die Herstellung von minderwertigen Produkten wie Folien, Fleece-Pullis etc. verwendet; dieser Prozess nennt sich Downcycling.

In einem Land wie Griechenland, das biher kein Pfandsystem für die unzähligen Plastikwasserflaschen hat, sieht alles noch schlimmer aus. Inzwischen gibt es zwar mancherorts Sammelcontainer für Plastikprodukte, aber ein Blick in die normalen Container zeigt, wo die meisten Flaschen landen, wenn sie nicht gleich in die Natur entsorgt werden. An vielen Straßen sind die Böschungen mit Plastikflaschen und anderem Müll übersät, der dann häufig durch Winde den Weg ins Meer findet.

Einwegfeuerzeuge

Einwegfeuerzeuge

Der Engel steht auf 67 Einwegfeuerzeugen, die ich innerhalb von zwei Wochen an Kefalonischen Stränden gefunden haben. Nach vier Wochen waren es schon rund 100 Stück. Das ist ungefähr die Menge, die ich nach jedem längeren Aufenthalt am Meer vorweisen kann. Ich besitze aber nicht nur eine beachtliche Anzahl an Feuerzeugen, die an Stränden gefunden wurden, sondern auch eine umfangreiche Sammlung von den Straßen Berlins.

Allein in Deutschland werden jedes Jahr etwa 160 Millionen Einwegfeuerzeuge aus Plastik verkauft. Bisher gibt es keine Möglichkeit die Materialien, aus denen sie bestehen, zu recyceln, sie müssen über den Restmüll entsorgt werden und landen somit auf Deponien oder werden verbrannt. Es wird zwar an einem Aufbereitungsprozess und einem logistischen Konzept für das Sammeln der Feuerzeuge gearbeitet, aber selbst wenn das gelingt, sollten Einwegfeuerzeuge grundsätzlich nicht mehr hergestellt werden, es gibt dafür keinen vernünftigen Grund.

Einige Einwegplastikprodukte sind in der EU seit 2021 verboten. Es handelt sich um Artikel für die es bereits umweltfreundliche Alternativen gibt. Das Verbot betrifft Produkte wie Einmalbesteck/-geschirr, Trinkhalme, Rühr-/Wattestäbchen etc. Es stellt sich die Frage, warum Einwegplastikfeuerzeuge nicht mit auf der Verbotsliste standen, denn Alternativen gibt es schon weit länger als hundert Jahre: wiederbefüllbare Feuerzeuge oder Streichhölzer.

QUELLEN/LINKS

https://www.blauer-engel.de/de/blauer-engel/unser-zeichen-fuer-die-umwelt 

https://www.nurdlehunt.org.uk/the-problem.html 

https://www.nature.com/articles/s41598-018-22939-w

https://www.wissen.de/recycling-von-der-einweg-flasche-zum-neuen-produkt 

https://www.dbu.de/123artikel38625_2362.html 

https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/nachhaltigkeitspolitik/einwegplastik-wird-verboten-1763390 

https://www.br.de/radio/bayern1/inhalt/experten-tipps/umweltkommissar/streichhoelzer-feuerzeug-oekologisch-100.html

TrashmaidBerlin